Prolog
Die Beichte

»Ich habe getötet«, sage ich. »Und nicht nur einmal.«
Die junge Frau mir gegenüber lächelt noch. Sie hält den Satz zunächst für einen missglückten Scherz. Dann erlischt das Lächeln.
»Wie bitte?«
»Sie haben mich schon verstanden.«
Sie lacht kurz auf, unsicher, als hoffte sie, nur eine Pointe verpasst zu haben. Ich lache nicht mit.
»Aber Sie waren nie im Gefängnis, Anastasia«, sagt sie langsam. »Keine Anklage. Nichts. Wenn Sie wirklich jemanden getötet hätten – warum sitzen Sie dann hier, in diesem Haus, und nicht hinter Gittern?«
»Weil man für etwas, das es nie gegeben hat, nicht bestraft wird«, sage ich. »Keine Leiche. Keine Akte. Nicht einmal die Tage, an denen es passiert ist.«
»Das ergibt keinen Sinn.«
»Nein«, sage ich. »Noch nicht.«
Sie heißt Lena, sie ist jung und gut vorbereitet. Sie hat mein erstes Buch gelesen: die fremde Sprache, die Nachtschichten, die ersten eigenen Schlüssel und ein Leben, das ich mir langsam aufbaute und das nicht wieder auseinanderfiel. Dieses Buch hat viele Frauen erreicht und mich aus dem Nichts hierhergebracht. Von dem zweiten Manuskript in meinem Arbeitszimmer weiß sie nichts.
Jeden Morgen wache ich in derselben Minute auf. Ohne Wecker. Ich liege still, bis die Minute vorbei ist. Das Zimmer bleibt, wo es ist. Nicht an jedem Morgen bin ich froh darüber.
Sie ist gekommen, um die Erfolgsgeschichte zu erzählen: eine Putzfrau, die Schriftstellerin wurde. Ein gutes Ende, sauber genug für eine Zeitschrift. Seit Jahren antworte ich auf solche Fragen mit einem Lächeln und ein paar Sätzen über Mut. Das erste Buch erzählt, was nach der Flucht kam, nicht, was davor geschah. Heute hält das Lächeln nicht mehr.
Ihre Hand schwebt über dem Aufnahmegerät. Auf ihrem Handgelenk ist ein halb abgewaschener blauer Stern zu sehen, offenbar von einer Kinderhand aufgemalt. Sie bemerkt meinen Blick und zieht den Ärmel darüber. Dann sieht sie mich wieder an. Sie glaubt, ich hätte mich gerade verraten.
»Diese Tage, von denen Sie sprechen«, sagt sie. »Waren Sie krank? Hatten Sie Erinnerungslücken?«
Ich schüttle den Kopf. »Mit meinem Gedächtnis ist alles in Ordnung. Das ist das Schlimme. Ich erinnere mich an jeden Tag. An jedes einzelne Mal.«
»An jedes Mal? Woran?«
Ich schweige. Manche Dinge klingen wie Lügen, solange sie nur anderen Menschen geschehen.
»Sie werden mir nicht glauben«, sage ich. »Ich hätte mir selbst nicht geglaubt. Deshalb erkläre ich nichts. Ich erzähle, wie es war. Sie entscheiden selbst.«
Eine Aufnahme könnte mir nichts anhaben. Was ich getan habe, geschah weit weg von hier, vor langer Zeit und an Tagen, die es nicht mehr gibt.
Es ist kein Geständnis. Es ist eine Beichte. Vergebung erwarte ich nicht. Ich will nur nicht länger die Einzige sein, die weiß, was damals geschah.
»Schalten Sie das Aufnahmegerät aus, Lena«, sage ich. »Und nehmen Sie einen Stift.«
Ihre Hand bleibt auf dem Gerät. »Das schützt auch Sie«, sagt sie. »Wort für Wort, damit nichts verdreht wird.« Ich sehe sie nur an. Schließlich drückt sie auf Stopp und greift nach ihrem Notizbuch.
»Was ich Ihnen erzähle, steht in keinem veröffentlichten Buch«, sage ich. »Heute Morgen habe ich den letzten Satz eines zweiten Manuskripts geschrieben. Niemand hat es gelesen. Sie sind die erste Außenstehende, die die ganze Geschichte hört.«
Ob die Welt sie je erfahren wird, habe ich noch nicht entschieden. Vielleicht brauche ich zuerst einen Menschen, der die Wahrheit hört und trotzdem sitzen bleibt.
Sie schlägt eine leere Seite auf.
»Gut«, sage ich. »Dann hören Sie zu. Von Anfang an.«
Es beginnt an einem Herbstmorgen. In einer Wohnung, in einem anderen Land.
Hier endet die Leseprobe
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