Leseprobe
LeoZeit: Schatten
Lies den Anfang — Prolog und die ersten Kapitel.
Prolog
Das Echo im Pomeranzengarten

Das metallische Schnappen der Gartenschere – gleichmäßig, unerbittlich, wie ein Metronom kurz vor dem ersten Schlag.
Heinz arbeitete am Gartenrand, unweit des Brunnenbeckens. Er stutzte den Buchsbaum mit einer Präzision, die er sich in Jahrzehnten angeeignet hatte – und die niemand von ihm verlangte. Niemand außer ihm selbst.
Der Juliabend lag schwül und lastend über dem Pomeranzengarten. Die Luft trug den herben Geruch frisch geschnittener Blätter – und den von etwas, wofür Heinz keinen Namen hatte. Ein Raunen, das ihm durch Mark und Bein ging. Jeden Abend dasselbe: Sobald die Schatten an den Schlossmauern emporstiegen, schien der Garten zu erwachen.
Schnitt. Schnitt. Dann: Stille.
Nicht das drückende Schweigen vor einem Gewitter. Eine andere Stille. Eine, die entsteht, wenn etwas Uraltes die Augen aufschlägt.
Die Luft vibrierte. Über den Arkaden verharrte der Himmel in einem unnatürlich tiefen Blau. Das vertraute Plätschern des Brunnens verzerrte sich zu einem hohlen, metallischen Kreischen – und dann erstarrte der Wasserstrahl mitten in der Luft. Ein gläserner Bogen. Reglos. Als hätte jemand die Welt angehalten.
Heinz ließ die Schere nicht sinken. Seine Knöchel traten weiß hervor, so fest umklammerte er die Griffe. Er hatte all die Jahre auf diesen Moment gewartet. Jetzt, da er gekommen war, zitterten seine Hände nicht. Nur eine grimmige, bittere Gewissheit.
Dann kam die Kälte.
Kein Wetterumschwung. Ein Kälteeinbruch aus einer anderen Zeit. Er kroch ihm unter die Haut und fraß sich bis in die Knochen, bis der Juli ringsum nur noch eine Lüge war. Weißer Reif legte sich auf seine Bartstoppeln, auf die Härchen an seinen Armen. Ein Frost, der von innen brannte.
Mit der Kälte kam ein Geruch. Pomeranzenduft, schwer. Darunter lauerte etwas anderes: Moder. Ein Hauch von Fäulnis aus einer Tür, die seit Jahrhunderten verriegelt war und die eben jemand aufgestoßen hatte.
Er hob den Blick.
Auf der Balustrade standen sie. Eine Frau in einem Gewand, so schwarz, dass es das letzte Tageslicht verschluckte, eine Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Neben ihr die Silhouette eines Jungen – durchscheinend, ein Geist, der jeden Moment verblassen konnte. Hinter ihnen wirkte der Garten plötzlich wie eine Kulisse, hinter der nichts mehr war.
Ihre Hand lag auf seiner Schulter. Besitzergreifend. Er war ihr letzter Halt, und sie würde ihn nicht noch einmal hergeben.
»Georg …«, hauchte sie.
Der Name traf Heinz wie ein Schlag in die Magengrube. Im Beet neben ihm welkten die Blumen, lautlos. Die Blüten rollten sich ein, färbten sich schwarz und zerfielen zu Asche.
Die Frau hob den Kopf. Unter der Kapuze lagen Schatten, so tief, dass kein Lichtstrahl sie durchdringen konnte. Nur zwei schwache Lichtpunkte glommen darin – wie Sterne, die längst erloschen sind, deren Schein uns noch immer erreicht. Ihre Hand auf der Schulter des Jungen war lang und blass, die Finger seltsam reglos; ein Zittern hatte hier längst aufgehört, weil ein Zittern nichts zurückbringt. Sie sah Heinz an. Kein zufälliger Blick. Ein Erkennen. Sie kannte ihn. Nicht seinen Namen – sein Erbe.
»Gib ihn zurück.«
Kein Schrei. Nur Worte, schwer wie vierhundert Jahre. Schwer wie der Name eines Kindes, das man nicht halten durfte.
An Heinz’ Handgelenk – an der mechanischen Uhr seines Vaters, dem alten Erbstück der Hüter – raste der Sekundenzeiger rückwärts, schneller, immer schneller, bis die Feder mit einem hässlichen Reißen brach. Das Glas bekam einen feinen, scharfen Sprung. Heinz rührte sich nicht.
Der Bann riss.
Die Hitze schlug zurück wie ein glühender Atem. Heinz sank auf ein Knie, die Hand flach auf den warmen Boden gepresst. Die Welt fügte sich wieder in ihre Fugen: Vögel schrien in den Baumkronen, Wasser platschte zurück ins Becken. Als wäre nichts gewesen.
Heinz keuchte. Die Luft schmeckte nach Verbranntem und Metall.
Er starrte auf die graue Asche, die auf dem Boden lag, wo gerade noch Blumen geblüht hatten. Die Uhr war Schrott. Mehr brauchte er nicht zu wissen.
Langsam stand er auf und klopfte sich den Staub von der Hose.
Erstes Kapitel
Der letzte Abend

Auf dem Klassenfoto stand Alicia ganz am Rand. Nicht, weil man sie dorthin geschoben hatte – sie hatte sich den Platz selbst ausgesucht, einen halben Schritt neben der Gruppe, den Blick knapp an der Kamera vorbei. Ihr kupferrotes Haar, das sie vom Vater hatte, quoll widerspenstig unter der Spange hervor; die grünen Augen suchten etwas außerhalb des Bildes. Etwas, das auf dem Foto nicht zu sehen war und das sie trotzdem schon damals gespürt hatte.
Sie legte das Foto nicht in den Karton mit der Aufschrift Zimmer – Sonstiges. Sie legte es in den Rucksack. Der Rucksack blieb bei ihr.
Um sie herum das geordnete Chaos des letzten Abends. Die Regale leer, an den Wänden helle Rechtecke, wo jahrelang ihre Poster gehangen hatten – Abdrücke von etwas, das es nicht mehr gab. Auf dem Fensterbrett stand als letzter Zeuge ihr Kaktus, staubig, stachelig, unverwüstlich. Draußen färbte sich der Himmel über den Dächern altrosa, ein paar Straßen weiter klirrte Geschirr auf einem Balkon. Ein ganz gewöhnlicher Abend. Morgen würde er Vergangenheit sein.
Morgen zogen sie nach Leonberg. Böblingen und Leonberg – zwanzig Minuten mit dem Auto, zwei Städte, die sich auf der Landkarte fast berührten. Ein Katzensprung, und doch weit genug, um alles anders zu machen. Ein Zimmer mit Fenstern, aus denen man auf einen Hügel mit einem Schloss sah. Papas neue Stelle. Mamas alter Traum von einem Haus mit Garten, in dem man im Sommer frühstücken konnte. Alicias Kopf sagte Ja zu allem. Ihr Bauch sagte etwas anderes, leiser und hartnäckiger.
Aus dem Nebenzimmer drangen die gedämpften Stimmen ihrer Eltern. Marianna telefonierte, ruhig, fast geschäftsmäßig – der Ton, mit dem sie ihre eigene Nervosität überspielte. Thomas suchte etwas und murmelte vor sich hin, wahrscheinlich wieder den verschollenen Klebebandabroller. Am Kühlschrank hing Mamas To-do-Liste in ihrer klaren Handschrift. Blumen gießen. Schlüsseldienst. Supermarkt. Und darunter, fast beiläufig: Dachboden – erst den Zimmerer wegen der Balken fragen.
Dachboden. Das Wort blieb Alicia im Kopf. Ein geschlossener Raum in einem fremden Haus, unter dem sie von morgen an schlafen würde. Sie wollte nicht daran denken – also griff sie zum Handy.
Sie öffnete die Bilder vom letzten Wochenende, als sie zum ersten Mal in Leonberg gewesen waren. Der Marktplatz. Das Schloss auf dem Hügel. Der Pomeranzengarten mit seinen streng geschnittenen Bäumchen in den großen Terrakottakübeln – Mama hatte mit der Hand über die raue Rinde gestrichen und zum ersten Mal seit Wochen glücklich gewirkt. Dann das Bild vom Schlosshof: in der Mitte ein alter Brunnen, steinerne Schale, verwittert und dunkel.
Unscheinbar. Bis auf die Stelle, wo das Wasser in den Schatten überging. Dort lag ein Fleck. Zu deutlich für einen Lichtreflex, zu kompakt für den Schattenwurf der Mauer. Alicia zog das Bild mit zwei Fingern größer. Die Pixel zerfielen zu grobem Korn – der Schemen blieb. Ein Umriss. Und je länger sie hinsah, desto weniger sah er nach einem Fleck aus und desto mehr nach jemandem. Nach einer Gestalt, schmal, reglos, das Gesicht ihr zugewandt.
Als hätte – nein. Nicht als hätte. Es sah sie an.
Quatsch, dachte sie und schob den Gedanken weg. Nur ein Schatten. Ein dummer Schatten auf einem schlechten Foto.
Aus der Küche schepperte eine Pfanne. Im selben Augenblick fror die Luft in ihrem Zimmer ein. Etwas zuckte tief unter ihren Rippen – an einer Stelle, von der sie nicht gewusst hatte, dass es sie gab. Dann war es vorbei. Sie legte das Handy mit dem Display nach unten auf die Matratze, schneller, als sie wollte, und zog den Ärmel über das Handgelenk. Die Nerven, sagte sie sich. Nichts als die blöde Aufregung vor morgen.
Zum Abendessen saßen sie zu dritt in der halb ausgeräumten Küche, zwischen Stapeln gepackter Teller. Kein Fernseher, keine Handys. Nur sie drei.
»Leonberg wird auch unsere Stadt«, sagte Marianna und schob ihr das letzte Stück Brot zu. Ihre Hand streifte dabei kurz Alicias Handrücken – eine flüchtige Berührung, die mehr sagte als jede Umzugsliste. »Das dauert. Gib der Stadt Zeit. Und gib dir Zeit.«
Einen Moment lang wollte Alicia es sagen. Den Schatten auf dem Foto. Das Zucken unter den Rippen. Das Gefühl, das keinen Namen hatte. Sie öffnete den Mund – und sah die Staubspuren auf Mamas Schulter, die grauen Schatten um Papas Augen, die Art, wie beide ihre Gabeln hielten, ein wenig zu fest. Sie hatten genug zu tragen.
Nicht heute, dachte Alicia und schloss den Mund wieder. Heute nicht. Sie nahm das Brot.
Später, als das Licht im Flur erlosch, lag Alicia wach. Die weißen Flecken an den Wänden leuchteten schwach im Schein der Straßenlaterne. Noch einmal griff sie zum Handy. Ein letzter Blick auf den Brunnen. Dann schaltete sie das Display aus, als schlüge sie eine Tür zu. Für einen Wimpernschlag schien der Schatten näher an den Bildrand gerückt.
Sie zog die Decke höher. Es war nicht der Abschied von Böblingen, der ihr den Schlaf nahm. Es war das, was vor ihr lag – eine Tür, die einen Spalt offen stand, und dahinter etwas, das schon lange wartete. Nicht drohend. Geduldig. So, wie nur etwas wartet, das viel zu lange allein gewesen ist.
Sie schlief ein, die Finger in den Kissenbezug gekrallt, und hielt sich an den vertrauten Geräuschen des alten Hauses fest: das Tropfen des Wasserhahns, das Knarren der Dielen, wenn das Haus sich in der Nachtkühle streckte.
Der Brunnen ließ sich davon nicht verdrängen. Er wartete. Und zum ersten Mal hatte Alicia das Gefühl, dass das Warten nicht ihr galt, sondern jemandem, den sie noch nicht kannte.
Zweites Kapitel
Schwellen

Der Kombi keuchte die enge Kopfsteinpflasterstraße hinauf und hielt vor dem Haus mit dem hellen Putz. Der Umzugswagen war längst da. Die Kartons standen im Flur, ordentlich aufgereiht. Ein stummer Vorwurf.
Es war August. Die Sonne brannte auf das Kopfsteinpflaster. Selbst die Klimaanlage im Auto hatte den Geist aufgegeben. Im Wagen herrschte schweres, drückendes Schweigen.
Das Haus kannten sie bereits. Sie hatten es im Winter gekauft. Kahle Bäume, grauer Putz – damals hatte es streng gewirkt. Ein solides Grundstück. Vernünftiger Preis.
Der Vorbesitzer war eines Tages spurlos verschwunden. Kein Abschied, kein Brief. Nach Jahren hatte das Gericht den Verkauf genehmigt. Sie hatten das Haus genommen, wie es war. Nichts angerührt, nichts ausgetauscht. Das Holz der alten Treppe war dunkel, durch Jahrzehnte fremder Hände poliert. Es bewahrte Geschichten in sich und ließ sich Zeit, sie preiszugeben.
Jetzt, im Sommer, sah das Haus anders aus. Lebendiger. Seltsamer.
»Mein Gott«, hauchte Marianna beim Aussteigen. »Der Garten … das ist kein Garten. Das ist ein Traum!«
Die Hortensien blühten weiter, unbeirrt, niemand hatte ihnen gesagt, dass das Haus den Besitzer gewechselt hatte. Die Blüten waren so schwer, dass die Zweige sich neigten. Rosen kletterten am Zaun hoch, mit Efeu zu einer einzigen grünen Wand verflochten. Das Gras reichte ihr bis zu den Knien, an manchen Stellen noch höher. Dazwischen drängten sich wilde Mohnblumen und kleine gelbe Blüten, deren Namen Alicia nicht kannte. Der Garten war verwildert, aber nicht verkommen. Man hatte ihn sich selbst überlassen, und er hatte darin weitergelebt, ohne Zeugen.
»Der Boden hier ist hervorragend«, sagte Marianna. Sie war schon auf dem Weg zu den Büschen. Hitze und Müdigkeit vergessen. Ihre Augen leuchteten. »Schau dir diese Wurzeln an. Jahrzehntelange Pflege. Jemand hat diesen Garten sehr geliebt.«
Jemand, der nicht mehr da ist, dachte Alicia. Ihre Finger schlossen sich um den Riemen des Rucksacks, fester als nötig.
Sie stieg aus und blieb am Gartentor stehen. Es schwang quietschend auf – ein dünnes, klagendes Geräusch, das in der Hitze hängen blieb. Ihre Turnschuhe knirschten auf dem Kies, seltsam laut in dieser Stille. Ein verwildertes Beet säumte den Weg. Vertrocknete Stängel, braune Blütenköpfe. Sie zitterten, obwohl kein Wind wehte.
Alicia strich mit den Fingern über einen der Blütenköpfe. Samtig. Brüchig. Bei der nächsten Berührung würde er zerfallen. Sie ging weiter zum Haus.
Doch der Blütenkopf, den sie berührt hatte, zitterte weiter – sie sah es nicht.
Die Luft war schwer von Hitze und Gerüchen: heißer Stein, gemähtes Gras von irgendwoher. Und noch etwas, schwach, kaum wahrnehmbar: altes Holz, von der Sonne durchwärmt. So riecht ein Dachboden, wenn man ihn im Sommer öffnet.
Alicia fröstelte, obwohl die Hitze mit über dreißig Grad auf den Hof drückte.
Das Haus sah sie mit seinen Fenstern an. Dunkel. Durch das Dachfenster konnte man das Schloss erkennen und die dunklen Wipfel der Tannen. Drinnen standen ihre Kartons, ihre Möbel. Trotzdem wirkte das Haus fremd. Nicht feindlich. Nur noch nicht ihres. Ein Hotelzimmer: sauber, ordentlich, aber ohne Erinnerung.
Ein gepflasterter Weg führte zur Eingangstreppe, zwischen den Platten hartnäckiges Gras, auf der Treppe zwei leere Tontöpfe.
Die Haustür war aus Eiche, schwer. Der Messinggriff hatte die Form eines Löwenkopfes. Alicia berührte ihn. Heiß von der Sonne. Ihre Hand blieb einen Augenblick länger darauf liegen, als sie vorgehabt hatte.
Drinnen roch es nach Staub, Karton und etwas Altem. Nicht unangenehm. Nur unvertraut.
Die Möbel standen, wo die Möbelpacker sie abgestellt hatten. Das Sofa mitten im Raum, ein gestrandetes Schiff. Kartons türmten sich an den Wänden. Mamas Handschrift darauf: Küche, Schlafzimmer, Bücher. Auf dem hellen Parkett schmutzige Schuhabdrücke.
Das Treppengeländer aus Holz war warm und glatt unter ihrer Hand. Die Stufen knarrten. Die dritte von unten gab einen langgezogenen Ton von sich, eine berührte Saite. Alicia blieb stehen, lauschte. Kein anderer Laut. Nur ihr eigenes Herz, das schneller schlug, als es sollte.
Oben führte ein Flur zu fünf Türen.
Sie drückte die Tür zu ihrem Zimmer auf. Es war größer als in Böblingen. Deutlich größer. Und dadurch leerer. Höhere Decke, mehr Abstand zwischen den Wänden, mehr Luft. Die Sonne lag als gelbes Rechteck auf dem Boden. In dem Licht tanzten Staubpartikel, aufgewirbelt von den Umzugsleuten.
Alicia hob den Blick – und hielt inne.
An der Decke waren Sternbilder gemalt. Nicht einfach nur Sterne. Jemand hatte mit ruhiger Hand Linien zwischen ihnen gezogen und die Namen daneben geschrieben. Kleine, verblichene Schrift. Großer Bär. Kassiopeia. Orion. Und genau in der Mitte, über der Stelle, wo das Bett stehen würde: der Löwe. Das Sternbild Löwe. Mit einer Mähne aus feinen goldenen Linien. Einst hatten sie geglänzt. Jetzt schimmerten sie nur noch schwach.
Alicia stand lange da, den Kopf im Nacken. Wer hatte das gemalt? Ein Kind? Ein früherer Bewohner? Die Linien waren zu genau für Zufall. Zu sorgfältig für bloße Dekoration. An der Haustür der Löwenkopf, an der Decke der Löwe. Zweimal an einem Tag. Es stach ihr in der Brust, als hätte jemand sie gerufen, ohne dass sie den Namen hörte.
Das Fenster ging zum Garten hinaus. Direkt darunter wuchs ein alter Apfelbaum. Dicker Stamm, eine Krone, die den halben Himmel verdeckte. Ihr Bett war schon an die Wand gerückt. Schief zusammengebaut, aber es stand. Kartons mit der Aufschrift Alicia lagen auf dem Boden.
Sie trat ans Fenster. Der Rahmen war aus Holz, alt, mit feinen Rissen im Lack. Der Riegel klemmte. Alicia ruckte kräftig daran. Mit einem Ächzen sprang das Fenster auf.
Heiße Luft strömte herein. Schwer, zäh. Sie duftete nach Rosen und warmer Erde. Unten streifte Marianna zwischen den Büschen umher. Sie berührte Blätter, bückte sich zu den Wurzeln. Ihre Lippen bewegten sich. Sie sprach mit den Pflanzen, leise, wie mit jemandem, der zuhörte. Thomas schleppte die letzten Taschen aus dem Auto und murmelte etwas von einem Bandscheibenvorfall.
Alles war normal. Alles war richtig.
Warum dann dieser Schauer, der ihr über den Rücken lief?
Alicia atmete langsam aus. Der Schauer war kurz gewesen. Eine halbe Sekunde, nicht mehr. Eine Kellertür, die jemand geöffnet und sofort wieder zugeworfen hatte. Sie sah sich um. Das Zimmer war leer. Das Sonnenlicht lag unverändert auf dem Boden. Nichts.
»Alicia!« Mamas Stimme von unten. »Komm runter, hilf in der Küche!«
Sie wandte sich vom Fenster ab und ging zur Tür. Da, aus dem Augenwinkel, oben an der Flurdecke: eine Luke. Der Dachboden. Die Luke war alt, aus Holz, mit einem nachgedunkelten Griff. Daran hing ein Schloss. Massiv. Und es glänzte noch. Jemand hatte es später angebracht. Jemand – der Vorbesitzer, bevor er verschwand? – hatte den Dachboden abgeschlossen.
Noch nicht.
Alicia blieb stehen und schaute hinauf. Sie hob die Hand – und ließ sie wieder sinken.
Nicht heute.
Sie zuckte mit den Schultern und ging nach unten.
In der Küche türmten sich Kartons mit Geschirr. Marianna suchte den Wasserkocher. »Ohne Tee wird dieses Haus niemals unser«, verkündete sie und öffnete dabei den dritten Karton in Folge. Den Bleistift, der sonst in ihrem hochgesteckten Haar steckte, hielt sie noch in der Hand, ohne es zu merken.
Thomas suchte einen Schraubenzieher. Alicia räumte Teller aus. Sie gab sich Mühe, nichts zu zerbrechen.
Marianna öffnete einen der Hängeschränke, um die Tassen einzuräumen, und stutzte. An einem der kupfernen Haken, die ihr beim ersten Besuch im Winter kaum aufgefallen waren, hing noch eine Tasse. Niemand hatte sie wohl bemerkt – sie hing ganz hinten, versteckt im Schatten des Schrankes. Weiß, mit einem dünnen blauen Streifen am Rand. Marianna nahm sie ab, drehte sie in den Händen. Der Vorbesitzer hatte sie zurückgelassen. Oder vergessen. Vielleicht hatte er sie zwanzig Jahre lang jeden Morgen in der Hand gehalten.
»Komisch«, murmelte sie. »Die haben wir bei der Besichtigung gar nicht gesehen.« Sie stellte die Tasse behutsam ins Regal, als wäre sie ein Gegenstand, der noch einen Besitzer hätte, auch wenn der nicht mehr wiederkehrte. Einen Moment lang hielt sie noch die Hand darüber. Alicia kannte diese Hand. So legte ihre Mutter sie auf Dinge, die einmal jemandem gehört hatten, den es nicht mehr gab.
»Der Vorbesitzer war allein«, sagte Thomas. »Seine Frau war schon lange tot. Die Kinder weggezogen. Er hat hier zwanzig Jahre allein gelebt. Und dann, eines Morgens – weg. Die Nachbarn haben es erst nach Wochen gemerkt.«
»Weg?« Alicia sah auf. »Wie – weg?«
»Verschwunden. Keine Spur.«
Alicia betrachtete die Haken. Sieben Stück. An einem hing noch die Tasse. Zwanzig Jahre allein. Und dann verschwunden. Spurlos. Sie versuchte, sich diesen Menschen vorzustellen, und konnte es nicht.
»Was ist auf dem Dachboden?«, fragte sie.
»Keine Ahnung«, sagte Thomas. »Alte Sachen, Fotos. Persönliches. Seine Kinder wollten nichts damit zu tun haben.«
»Wir gehen da nicht rauf«, fügte Marianna hinzu. »Das ist nicht unseres.«
Alicia nickte. Aber das Wort ›Dachboden‹ hatte sich wieder in ihre Gedanken gebohrt. Unsichtbar, aber spürbar. Sie dachte an das Schloss an der Luke. Neuer als der Griff. Glänzend. Warum hängt man ein Schloss vor eine Luke, hinter der nichts als Gerümpel ist?
Gegen Abend gab das Haus ein wenig nach. Die Küche funktionierte. Die Betten waren bezogen. Schief, aber bezogen. Marianna hatte ihre Blumentöpfe auf die Fensterbänke gestellt. »Damit das Haus versteht, dass wir es ernst meinen.« Thomas reparierte den Schrank und befand, das Haus sei ›technisch bewohnbar‹.
Alicia saß auf der Eingangstreppe und sah zu, wie der Garten dunkler wurde.
Zum Abendessen gab es Pizza vom Lieferdienst. Sprudel. Orangensaft. Thomas teilte die Pizzakartons aus, mit dem Gesichtsausdruck eines Dompteurs.
Sie saßen zu dritt am Tisch. Erschöpft, staubig, die Hände pochten vom Kistenschleppen. Sie kauten schweigend, rissen Stücke direkt aus dem Karton. Vor dem Fenster lag der Garten im Dunkeln. Der Apfelbaum war nur noch eine schwarze Silhouette.
»Also«, sagte Thomas. »Auf das neue Haus?« Er hob seinen Pappbecher.
Marianna lächelte. Alicia hob ihren.
»Auf das neue Haus.«
Pappe traf auf Pappe. Pappe traf auf Pappe. Ein dumpfer Stoß. Kein Klirren.
Das Haus schwieg. Aber anders als zuvor. Abwartend.
Thomas stand als Erster auf. Er streckte sich, trat zum Fenster – und hielt inne. Zog die Schultern zusammen, einmal, kurz, als hätte ihn ein Luftzug gestreift. Er sah sich um. Kein Fenster offen. Keine Tür.
»Alte Fenster«, sagte er und rieb sich den Nacken. »Müssen wir abdichten lassen.«
Niemand antwortete. Marianna räumte bereits die Pizzakartons zusammen. Alicia sah Thomas an. Er hatte sich schon abgewandt.
In der Nacht konnte Alicia lange nicht einschlafen.
Das Zimmer war unvertraut. Die Schatten lagen anders. Die Decke war höher, dadurch wirkte die Dunkelheit tiefer. Ein Schacht über ihrem Kopf. Die Geräusche waren andere. Kein Aufzug, keine Nachbarn. Dafür das Knarren des Holzes, Blätterrascheln, ein fernes Rufen.
Die Matratze roch nach Waschmittel. Nach Böblingen, nach dem alten Leben. Alicia drückte die Nase ins Kissen und versuchte, sich einzureden, dass sich nichts verändert hatte. Es gelang nicht.
Sie lag da und dachte an den alten Mann, der hier allein gelebt hatte. Zwanzig Jahre. Irgendwo über ihr, im Dunkeln, der Löwe an der Decke, den sie nicht mehr sah und trotzdem spürte.
Irgendwo im Haus klickte etwas. Kaum hörbar. Das Geräusch einer vorsichtig heruntergedrückten Klinke. Alicia hielt den Atem an.
Stille. Wahrscheinlich nur Holz. Alte Häuser knarren nachts. Physik. Sonst nichts.
Sie wiederholte es im Stillen, wie einen Abzählreim. Physik, Physik, Physik. Es half nicht.
Sie drehte sich auf die Seite und schloss die Augen. Zwang sich, ruhig zu atmen. Fast war sie eingeschlafen, als es wieder klickte. Etwas lauter. Etwas näher. Kein Knarren. Ein Klicken. Trocken, kurz, präzise. Ein Schloss, das jemand losgelassen hatte.
Direkt über ihr. Dort, wo der Dachboden war.
Hier endet die Leseprobe
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